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Dienstag, 31. Juli 2012

„Düsteres Verlangen“ (Bd.1) – Kenneth Oppel

Originaltitel: This Dark Endeavour | Autor: Kenneth Oppel | 384 Seiten | ISBN: 978-3-407-81121-9 | Hardcover 16,95 € | eBook 15,99 € | Beltz & Gelberg Verlag Leseprobe


1818 veröffentlichte Mary Shelley den Roman „Frankenstein“, der im Laufe der Jahre zu einem der bekanntesten in der fantastischen Literatur wurde. Was, ihr kennt die Geschichte nicht? Macht nichts, denn mit „Düsteres Verlangen“ erzählt Kenneth Oppel ein Prequel zu der Grusel-Story:

DüsteresVerlangen-Frankenstein-KennethOppel-BeltzGelberg-CoverDie 15-jährigen Zwillinge Victor und Konrad Frankenstein leben wohlbehütet zusammen mit ihrer Familie in einem Genfer Anwesen. Die beiden verbringen viel Zeit mit ihrer schönen Cousine Elizabeth, die bereits fast ihr ganzes Leben lang bei der Verwandtschaft wohnt. Eines Nachts entdecken die drei Jugendlichen im Hause Frankenstein eine geheime Bibliothek, in deren Büchern von alchimistischen und dunklen magischen Machenschaften die Rede ist. Victors Wissensdurst wird durch ein Verbot des Vaters Alphonse in die Schranken gewiesen und erst wieder durch ein „Elixier des Lebens“ geweckt, als sein geliebter Bruder Konrad von einem lebensgefährlichem Fieber ergriffen wird. Gegenüber den Ärzten ist Victor sehr misstrauisch und fest entschlossen, alles für seinen Bruder zu tun, auch wenn die geforderten Zutaten für das vermeintliche Wundermittel noch so bizarr sind. Gemeinsam mit Elizabeth und Freund Henry trifft er auf den mysteriösen Polidori, der mit seinem Wissen über das Elixier die einzige Hoffnung zu sein scheint. Auf der Suche nach den Zutaten erkennt Victor nicht nur, dass diese Aufgabe sein Leben fordert, sondern auch, dass er mehr für Elizabeth empfindet. Jedoch hat diese ihr Herz bereits dem kranken Konrad geschenkt. Ein aufregender Kampf zwischen Bruderliebe, Eifersucht und Leidenschaft beginnt – was wird siegen?

Kenneth Oppel steigt einige Tage vor Ausbruch des Fiebers in die Geschichte ein und beschreibt das Zusammenleben der Jugendlichen. Das gibt mir die Möglichkeit, die Protagonisten kennenzulernen, von denen mir die selbstsichere Elizabeth und der zurückhaltende Henry am sympathischsten sind. Auch die Umgebung und der Alltag der Vier werden großzügig mit einbezogen, sodass ich eine gute Vorstellung vom damaligen Lebensstil bekomme. Bis zur Hälfte des Buches verhindert der schnelle Szenenwechsel leider, dass sich eine aufkommende Atmosphäre festigen kann. Auch der Spannungslevel bleibt bis dahin konstant auf mittlerem Niveau.
Erst mit Eintritt des mysteriösen Alchimisten Polidori und der Entdeckung der zweiten Elixier-Zutat schleicht sich die Aufregung in meinen Körper. Unerwartete Wendungen und die dunkle Umgebung machen „Düsteres Verlangen“ zu einem Lesegenuss.

Die Entwicklung von Victor ist hervorragend in die Geschichte eingewoben und immer öfter wird deutlich, wie er von Herzensgüte zum Größenwahn überwechselt. Auch die unerwiderte Liebe zu Elizabeth gewinnt an den passenden Stellen immer wieder an Bedeutung. Aufgrund seiner Krankheit bekommt man von Konrad relativ wenig mit. Das ist allerdings nicht schlimm, weil ich ihn (und Victor) ohnehin recht unsympathisch finde. Trotzdem sind seine wenigen Auftritte interessant, denn sein Charme und Talent sowie seine Liebe zu Elizabeth lassen mich die Eifersucht von Victor noch deutlicher spüren.

Der Autor ist talentiert darin, die wissenschaftliche Forschung von damals einfach und verständlich zu beschreiben. Es ist amüsant zu lesen, dass der wissensdurstige Victor geschockt ist, als einer der Ärzte Konrads Blut untersuchen möchte. Denn was sollte er da schon sehen? Ähnliche Vorfälle und laienhafte Erklärungen banaler Dinge der heutigen Zeit verleihen dem Buch sogar etwas Liebenswürdiges.

Das absolut überraschende Ende hat mir sehr zugesagt. Wie von Anfang an erhofft, bin ich dadurch total neugierig auf die Originalgeschichte von Mary Shelleys „Frankenstein“ geworden. Kenneth Oppel beschreibt Victor so realistisch und angehend irre, dass ich ihn mir sehr gut als einen verrückten Wissenschaftler vorstellen kann. Auch, dass sich der Autor großteils der Originalcharaktere bedient und nur der Zwillingsbruder Konrad erfunden ist, macht dieses Buch zu einer wirklich gelungenen und originellen Vorgeschichte.

Nach einem etwas tristen Auftakt macht „Düsteres Verlangen“ seinem Namen alle Ehre. Die Charaktere sind wundervoll ausgearbeitet und realistisch beschrieben. Das letzte Drittel ist gespickt mit Spannung und einem komplett unerwartetem Ende, welches mich neugierig auf die Originalgeschichte gemacht hat.

Meine Wertung

sys_Bewertung-4

 

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