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Freitag, 27. Februar 2015

Ich hätt‘ da mal a Frage… | Tilman von „54books“

Bücher. Bloggen. Menschen. Begegnungen. Ganz unter diesem Motto hatte ich Lust mal einen Blogger zu interviewen und bin der Meinung, von dem sollte mal was gehört haben (Discovered something new…for you!). Auf der Frankfurter Buchmesse 2014 durfte ich eine fabelhafte Bierverkostung und seinen ganz eigenen Humor mit ihm genießen und als einer der wenigen männlichen Blogger, bringt er mit seinen Antworten auf meine Fragen nun ein bisschen frischen Wind auf meinen quirlig-bunten Blog: Tilman Winterling vom Literaturblog 54books.


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Mit deinem Blog "54books" bist du einer der wenigen männlichen Literaturblogger. Wie kamst du auf diesen Namen und wie lang bloggst du nun schon?

Als ich Ende 2012 mein Bücherregal nach den von mir ungelesenen Büchern durchsah, waren es genau 54. Ich habe eine Liste erstellt und wollte erst wieder neue Bücher kaufen, wenn ich diese abgearbeitet habe. Aufgrund meines ausgeprägten Mitteilungsbedürfnisses entwickelte sich schnell die Idee auch über die Bücher zu schreiben. Noch nie mit der riesigen Bücher-Blogosphäre in Berührung gewesen, dachte ich,  das sei super innovativ: Bücher haben, die man nicht gelesen hat, darüber schreiben – was jeder Blogger als SUB kennt, hieß also bei mir „Die Ungelesenen“. Das Projekt an sich gibt es so nicht mehr, denn durchgehalten habe ich natürlich nicht lange. Mein erster Beitrag war schon über Neuerwerbungen.

 

Es gibt viel mehr männliche Blogger als man erst annehmen mag. Mein lieber Freund Tobias mit Texte und Bilder, Norman und seine Notizhefte, Uwe als Kaffeehaussitzer, Jochen von Lustauflesen.de oder Stefan Mesch usw. usf. Der Unterschied ist nur Leseverhalten und Zielgruppe: meiner Meinung nach ist nämlich zu differenzieren, es gibt Buch-Blogs und Literatur-Blogs (zumindest benutze ich die Begriffe, um irgendwie zu unterscheiden – Namen sind Schall und Rauch). Das ist erstmal ohne jede Wertung zu verstehen. In der Musik gibt es die Unterscheidung in E und U, also „Ernst“ und „Unterhaltung“. Wie jede Schwarz-Weiß-Abgrenzung hat sie hat natürlich deutliche Schwächen, weil sich vieles in Grenzbereichen abspielt.

 

Ich würde nie behaupten, dass ein ernstes Buch nicht auch unterhalten kann, denn genau das will ich ja! Ich lese nicht (nur), um des Lesens Willen, sondern eben auch um unterhalten zu werden. „Ansichten eines Clowns“ von Heinrich Böll ist furchtbar ernst, unterhält mich in seiner Sprache, literarischen Gestaltung und seinem zeitlichen Bezug aber so glänzend, dass ich es bereits mehrmals gelesen habe. „Mein Jahr als Mörder“ von Friedrich Christian Delius handelt vom Widerstand im dritten Reich und die Aufarbeitung der Verbrechen in und durch die Justiz – keine Frage sehr ernst, aber ein toll geschriebenes Buch, das den interessierten Leser gut unterhalten kann. Unterhalten heißt ja nicht zwangsläufig nur lachen, gruseln und sich in hübsche Männer verlieben, sondern dass ein Sujet meinem Interesse entspricht und dieses Interesse mit Nahrung speist.

 

Es geht bei (E-)Literatur nicht nur um Sprachakrobatik und den Fortschritt der Kunst (das könnten wir jetzt analog zur Musik F-Literatur, also funktionelle Literatur, nennen, aber das geht zu weit), sondern eben auch darum seinem Leser etwas zu bieten. Nur was den Leser unterhält divergiert, der eine liebt Fantasyabenteuer, der andere erfreut sich an Sprache und Konstruktion herum um eine anspruchsvolle Story.

2.

Was machst du, wenn du nicht gerade liest oder darüber schreibst?

Hauptberuflich bin ich Jurist und arbeite momentan bei der Staatsanwaltschaft. Das heißt, dass mein normaler Arbeitstag bereits stark vom Lesen dominiert ist, aber damit kann ich sehr gut leben. Außerdem liebe ich Hunde- und Katzenbabys, mit denen ich in meiner Freizeit viel auf frisch gemähten Wiesen herumtolle.

3.

Bist du durch "54books" auch schon auf empfehlenswerte Titel gekommen,
die du so nie in Erwägung gezogen hättest?

Spontan hätte ich gesagt, dass ich bereits in Vor-Blog-Tagen ein kundiger und gut informierter Leser war, wenn ich aber eine halbe Sekunde nachdenken, fällt mir auf, dass man tatsächlich durch den direkten Kontakt mit Verlagen und ihren Mitarbeitern interessante Empfehlungen direkt von der Quelle bekommt. Inzwischen gibt es sogar Mitarbeiter in Presseabteilungen, die mir Emails schreiben, wenn sie glauben, dass mich ein Buch interessieren könnte. Da gibt es also Leute, die lesen meinen Blog, kennen meinen Geschmack und schreiben mir – das ist Wahnsinn, vor allem, weil sie dann auch noch fast immer passende Sachen empfehlen. Ich bin ein Glückskind!

 

54books_Screenshot

4.

Die Klassikerfrage: Was ist dein Lieblingsbuch und warum?

Schwierig, schwierig. Habe auf meinem Blog eine TopList, auf die selten mal neue Bücher wandern oder andere nach dem Wiederlesen schwinden. Aber ein einzelnes Buch auf die 1 heben, kann und mag ich irgendwie nicht.

5.

Was macht für dich das Bloggen aus? Was ist das Beste daran?

Wer hier nicht sofort „Gratis Bücher“ sagt, lügt! Natürlich ist es ein riesiger Vorteil, dass die meisten Verlage auch an Blogger Rezensionsexemplare rausgeben. Aber natürlich mag ich den Kontakt und Austausch mit anderen Lesern, das Stöbern auf anderen Blogs.

6.

"Lieber X oder Y"?

Haha, da fragst Du den Richtigen, solche Fragen liebe ich ja.

 

Tee oder Kaffee
Kommt drauf an.

 

Gedrucktes oder elektronisches Buch
Ich ziehe, habe ich die Wahl und die habe ich fast immer, stets das gedruckte Buch vor – von heute und für alle Zeiten. Bin doch bei der Buchguerilla.

 

Lesen im: Bett oder Sofa
Sessel

 

Du schreibst lieber: Verriss oder Empfehlung
Am liebsten und einfachsten schreibe ich eine Rezension, wenn das Buch mich in Extreme gestürzt hat, es kann also beides sein. Habe sogar schon beides zu einem einzigen Buch, nämlich Karen Köhlers „Wir haben Raketen geangelt“, geschrieben: Lob und Verriss. Obwohl ich zugegeben muss, das mir der Verriss mehr Spaß gemacht hat.

 

 

Vielen Dank für deine Zeit!

Bröselchen ^_^

 

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