Und es schmilzt Lize Spit Beitragsbild
Mittwoch, 18. Oktober 2017

„Und es schmilzt“ – Lize Spit

Ich war sehr gespannt auf den Roman „Und es schmilzt“ von Lize Spit. Dass er mir letztlich so unter die Haut gehen würde, habe ich nicht kommen sehen. Tatsächlich habe ich das Buch bereits kurz vor offizieller Erscheinung lesen dürfen und musste bis heute etwas Abstand gewinnen. Die Geschichte von Eva, die nach Jahren zurück in ihr Heimatdorf fährt, kann einen nicht kalt lassen; das übernimmt nämlich schon der Eisblock, den sie dabei in ihrem Kofferraum transportiert.

Nach dreizehn Jahren folgt die junge Frau einer Einladung ihrer früheren besten Freunde. Zwei Jungs, die sie versuchte zu vergessen, da ein Sommer alles veränderte.

Und es schmilzt Lize Spit Cover S. Fischer VerlagPrimär handelt es sich in „Und es schmilzt“ um die Freundschaft der drei Kinder Pim, Laurens und Eva, aber auch die familiäre Situation des jungen Mädchens mit ihrer Schwester spielt eine große Rolle. Im Laufe der Geschichte wird immer deutlicher wie verkorkst die Verhältnisse sind und dass es eigentlich nicht noch trauriger werden könnte. Eigentlich.

Grundsätzlich ist dieses Buch großartig. Großartig geschrieben, großartig geplottet und das Werk aus mehr als 500 Seiten liest sich fabelhaft. Dennoch möchte ich auch klarmachen, weshalb dieses Werk nicht für Jedermann gedacht und Lesespaß hier das falsche Wort ist.

Obwohl ich hauptsächlich aus Gründen der Unterhaltung lese und außerhalb der Schule nie in Bedrängnis kam, Bücher in ihre Einzelteile zu analysieren, fragte ich mich oft: Was will uns die Autorin damit sagen? Basiert die grauenvolle Geschichte auf eigenen Erfahrungen? Aber auch ein schockiertes „Weshalb muss man so etwas schreiben?“ kam vor. Kinder können grausam sein, aber was hier passierte, erschütterte mich wirklich sehr.

Im letzten Viertel des Buches wurde das Lesegefühl körperlich spürbar und ich empfand die Erfahrung als furchtbar. Natürlich passieren in Büchern nicht immer nur schöne Dinge, man verzieht vor Anspannung mal das Gesicht, aber ein beklommenes Gefühl war ab besagten Bereich Hauptbestandteil. Teilweise bereue ich es sogar „Und es schmilzt“ gelesen zu haben, zum anderen muss man Lize Spits Schreibtalent loben. Sie bringt die Geschichte so einnehmend rüber, dass das geschriebene Wort real, greifbar und spürbar wird.

Dieses Buch ist wie ein Trommelwirbel – erst mysteriös leise, dann immer zügiger und letztlich bleibt vor lauter Schock der Tusch aus.

Ich war mir nicht sicher, ob ein schlechtes Gefühl zu einer Reduzierung der Leseempfehlung führen sollte. Da die Rezensionen grundsätzlich auf meinen persönlichen und subjektiven Meinungen beruhen, habe ich mich jedoch dafür entschieden. „Und es schmilzt“ polarisiert. Viele Liebhaber von Gegenwartsliteratur im Web haben sehr positive Stimmen verlauten lassen.

Dieses Buch ist wie ein Trommelwirbel – erst mysteriös leise, dann immer zügiger und letztlich bleibt vor lauter Schock der Tusch aus. Ein Buch über Freundschaft, verkorkste Familienverhältnisse und welche Wunden dies hinterlässt. Wer das Rätsel aus „Und es schmilzt“ noch nicht kennt, wird mit 512 Seiten entsetzlich-gute Lesezeit haben.

Meine Wertung

 

Buchkolumne in der Woche im Pegnitztal (WiP), 18. Oktober 2017.


Zum Buch: „Und es schmilzt“

Verlag S. FISCHER | Autorin: Lize Spit | Originaltitel: Het Smelt | Übersetzung: Helga van Beuningen | Seiten: 512 | Hardcover 22,00€ | ISBN: 978-3-10-397282-5 | Erscheinungstermin: 24.08.2017


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Dein Kommentar:

11 Kommentare

  • Antworten Livia Donnerstag, 19. Oktober 2017 um 8:18

    Liebes Bröselchen

    Vielen Dank für diese differenzierte Rezension, welche mich dazu bewogen hat, das Buch auf meine Wunschliste zu setzen. Mit dieser „Warnung“ kann ich als Leserin sehr viel anfangen und mich in die richtige Stimmung versetzen, bevor ich mich mit dem Buch befasse. Ausserdem weiss ich nun, dass ich das Buch vielleicht nicht alleine lesen sollte, das ist immer gut zu wissen :-)

    Alles Liebe dir
    Livia

    • Antworten Shiku Donnerstag, 19. Oktober 2017 um 21:58

      Je mehr Rezensionen ich zum Buch lese, desto weniger weiß ich, ob ich es lesen möchte. Das Interesse ist definitiv geweckt, aber andererseits … ja, andererseits. Aber ich denke, ich hatte noch nie ein derart intensiv wirkendes Buch in der Hand, da bin ich sehr versucht, mich hieran wenigstens zu probieren. Vielleicht irgendwann als Hörbuch, da scheine ich aktuell ohnehin zu schwereren Titeln zu greifen.

      • Antworten Shiku Donnerstag, 19. Oktober 2017 um 21:58

        Und das war gar nicht als Antwort gedacht, sondern als eigener Kommentar … Entschuldigung!

      • Antworten Bröselchen Mittwoch, 1. November 2017 um 23:05

        Liebe Shiku,
        danke für Dein Feedback – überhaupt kein Problem, die Technik eben ;-)
        Ja, ich kann verstehen, dass Du zweigeteilt bist, vor allem nachdem ich es gelesen habe. Es ist ein grandios geschriebenes Buch, aber die Inhalte können teils verstörend wirken. Das beschönige ich nicht.
        Ich bin gespannt, ob es in Deinem Bücherregal landet. Lass es mich wissen!
        Alles Liebe,
        Brösel

        • Antworten Shiku Freitag, 10. November 2017 um 22:56

          Das und die eigene Dusseligkeit, ich nehme da alle Schuld auf mich. :’D
          Mittlerweile hat es tatsächlich den Weg zu mir gefunden, als Hörbuch! Noch habe ich nicht angefangen, aber es wird wohl das Nächste sein, das ich beginne. Bin schon sehr gespannt!

    • Antworten Bröselchen Mittwoch, 1. November 2017 um 23:03

      Liebe Livia,
      vielen Dank für Dein Feedback, das tut wirklich gut zu lesen. Du hast es passend auf den Punkt getroffen, Redebedarf hatte ich danach auch auf jeden Fall!
      Alles Liebe,
      Brösel

  • Antworten Saska Dienstag, 31. Oktober 2017 um 15:00

    Ich kenne es, wenn eine Geschichte so nah geschrieben ist, dass man die Gedanken, Erfahrungen und Situationen fast körperlich fühlt. Für mich ist diese Erfahrung meist ein Zeichen für ein wahnsinnig gutes Buch, aber ich kann verstehen, dass du dich dabei nicht gut gefühlt hast und das Buch für dich somit einen bitteren Beigeschmack hat.
    Bisher konnte ich „Und es schmilzt“ leider noch nicht lesen, aber es steht inzwischen wirklich sehr weit oben auf meiner Liste.
    Liebe Grüße

    • Antworten Bröselchen Mittwoch, 1. November 2017 um 23:02

      Liebe Saska,
      danke für Dein Feedback, das meine Rezension treffend zusammengefasst hat. Wie geschrieben, spricht das ja auch wirklich nur für die Autorin. Der Inhalt hat mich jedoch sehr lange erschüttert zurück gelassen und deshalb ist das Buch wirklich nicht für jeden geeignet. Ich würde gerne wissen, wie Du das Buch findest, wenn Du es mal liest.
      Alles Liebe,
      Brösel

  • Antworten Juliana Mittwoch, 1. November 2017 um 17:14

    Wow, das Bild, das du mit dem Vergleich am Ende in meinem Kopf entstehen lässt oder vielmehr das Gefühl, das sich im Bauch ausbreitet ist nur schwer zu beschreiben. Ich gestehe, dass ich es immer noch nicht geschafft habe, das Buch weiterzulesen. Ich ringe innerlich mit mir. Noch ist nicht viel passiert, an der Stelle, an der ich stehen geblieben bin. Aber eine erste böse und unschöne Vorahnung hat sich schon eingeschlichen. Ich hadere mit mir, ob ich weiterlese oder nicht.

    Viele Grüße
    Juliana

    • Antworten Bröselchen Mittwoch, 1. November 2017 um 23:00

      Liebe Juliana,
      vielen Dank für Dein Feedback! Jaaa, diese Vorahnung wird Dich nicht loslassen, das kann ich Dir leider versprechen. Es freut mich, dass ich mit meiner Besprechung gleichzeitig empfehlen aber auch warnen konnte. Das Buch ist wirklich nicht für jeden was.
      Ganz liebe Grüße und alles Liebe,
      Brösel

  • Antworten El Tragalibros - der Bücherwurm: Blog über Literatur Mittwoch, 22. November 2017 um 19:01

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