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Sonntag, 19. November 2017

Interview: Melina Royer von Vanilla Mind

Bist Du schüchtern? So richtig? Dass Du oft das Gefühl hast, es würde Dir Lebensqualität kosten? Melina Royer von Vanilla Mind ging es lange Jahre so und konnte aufgrund dessen sogar ihr Abitur nicht absolvieren. Sie entschied, dass sich in ihrem Leben gravierend etwas ändern müsse und heute ist sie u.a. erfolgreiche Bloggerin mit Themen für Schüchterne und Introvertierte, sowie Buchautorin von „Verstecken gilt nicht“! Sechs mutmachende Antworten im Interview und meine Meinung zu ihrem Buch, Servus und willkommen:

Beitragsstruktur:
Interview | Das Buch „Verstecken gilt nicht!“


Vanilla Mind Porträt Melina Royer1.

Mit „Vanilla Mind“ hast Du ein Businessblog gegründet, das vor allem die Themen Persönlichkeitsentwicklung, Selbstbewusstsein und Organisation beinhaltet. Wie kam es zum Namen „Vanilla Mind“ und standen Alternativnamen zur Auswahl?

Mein Mann Timon und ich haben mit Begriffen und ihrer Bedeutung herumgespielt und ich glaube er war es sogar, dem urplötzlich „Vanilla Mind“ einfiel. Der Name ist griffig, einfach zu merken – und hat eine sehr schöne Geschichte, wie ich finde: Im englischen Sprachraum bedeutet das Wort „vanilla“ so viel wie „langweilig“ oder „durchschnittlich“. Unsere Umwelt möchte uns immer gern in ein Raster stecken, wir sollen alle gleich sein. Mit Vanilla Mind will ich genau dieses Denken aufdecken und dazu motivieren, sich selbst mehr zuzutrauen und sich zu zeigen. Einen alternativen Namen gab es nicht. Ich glaube generell, dass die besten Ideen nebenbei entstehen, wenn man nichts erzwingt und offen für alle Möglichkeiten bleibt. Du glaubst gar nicht, wie oft ich im Bad meine Routine unterbrechen muss, damit ich schnell eine Idee festhalten kann, die mir sonst entgleiten würde! ;-)

2.

Gab es ein gravierendes Ereignis, einen Auslöser für die Gründung des Blogs?

Den Blog zu gründen war eine spontane Entscheidung. Was total untypisch für mich ist, denn eigentlich bin ich Weltklasse im „100-Jahre-über-einer-Idee-brüten-bevor-sie-das-Licht-der-Welt-erblickt“. Nichts liegt mir normalerweise ferner, als die Öffentlichkeit zu suchen und meine Gedanken mit einem breiten Publikum zu teilen. Ich liebe es, von der zweiten Reihe aus die Fäden in der Hand zu halten.

Vanilla Mind hat mir dabei geholfen, meine Komfortzone zu verlassen und darum habe ich es gemacht. Ich habe eine Menge Wissen zu teilen, aber mein Glaubenssatz war immer: “Andere werden mich nicht wahrnehmen und sich nicht für das interessieren, was ich zu sagen habe.” Der Blog hat das Gegenteil bewiesen: Eine bestimmte Personengruppe schätzt es, dass ich offen bin und mein Wissen teile.

„Vanilla Mind hat mir dabei geholfen, meine Komfortzone zu verlassen und darum habe ich es gemacht.“

Der zweite Grund ist, dass ich Themen eine Plattform geben möchte, die normalerweise nicht gern diskutiert werden: Versagensängste im Job, emotionaler Stress und mangelndes Selbstvertrauen. Im Internet kann ich genau den Menschen helfen, die mit denselben Problemen zu kämpfen haben wie ich, die ich aber sonst sicher nie erreicht hätte. Ich gehe nämlich nicht gern auf große Events oder Netzwerk-Treffen.

Hin und wieder gibt es Momente, in denen ich denke: „Boah Melina, was hast du da bloß gemacht, aus der Nummer kommst du nie wieder heraus!“, aber natürlich war der Launch von Vanilla Mind die richtige Entscheidung, denn daran bin ich wirklich gewachsen und kann nun Dinge tun, die ich mich vorher nie getraut habe. Zum Beispiel fremde Personen ansprechen, skypen oder Radio-Interviews geben.

 

Vanilla Mind Buch3.

Seit diesem Jahr bist Du auch Buchautorin von „Verstecken gilt nicht“. Wie kam es dazu und was war der größte Unterschied/die größte Herausforderung im Gegensatz zum Schreiben von Beiträgen auf Deinem Blog?

Diese Frage zu beantworten fühlt sich immer noch ganz surreal an! Ich bin so dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte und habe beim Schreiben dieses Buches auch sehr viel über mich selbst gelernt. Man steigt dabei sehr tief in die eigene Psyche ein und durchlebt quasi alles noch einmal.

Aber lieber ganz von vorn: Im Juli 2016 erhielt ich aus heiterem Himmel eine E-Mail von Random House mit der Frage, ob ich es mir vorstellen könne, ein Buch zum Thema Schüchternheit zu schreiben. Was für ein Wahnsinns-Tag, ich war wirklich in einer riesigen Gefühlsachterbahn – von wildem Herumgetanze vor lauter Freude über diese Ehre bis Herzrasen und Panik war alles dabei.

Als ich das Buch geschrieben habe, war meine größte Herausforderung, eine Schreibroutine zu finden. Während ein Blogpost selten mehr als 1000-1500 Wörter hat, hat das Buch um die 50.000. Umso wichtiger ist es, von Anfang an einen roten Faden zu haben, den man auf jeder einzelnen Buchseite verfolgen kann. Bei so viel Stoff kann man ohne gute Struktur auch schnell mal ins Labern kommen. Struktur und Produktivität sind auch so ein Steckenpferd von mir, darüber berichte ich auch viel auf Vanilla Mind. Ich habe vor dem eigentlichen Schreiben tatsächlich sogar noch Bücher übers Bücher schreiben gelesen, um mich auf meine neue Herausforderung vorzubereiten.

Nach einigen Experimenten habe ich dann relativ schnell festgestellt, dass ich nachts ab 22 Uhr am besten, schnellsten und hochwertigsten schreiben kann. Was ich tagsüber schreibe, hatte tatsächlich eine andere Qualität, weil ich nachmittags mitten im Leistungstief bin. Weil es sich viele gewünscht haben, habe ich den Schreibprozess auf meinem Blog „mitgeloggt“. Hier kann man alles nachlesen, was eigentlich alles zwischen Vertragsunterzeichnung und Veröffentlichung passiert ist.

4.

Der Klassiker: Was ist Deine Inspiration für neue Blogbeiträge? Sind es immer Themen, die Dich persönlich betreffen oder gibt es auch Input von außen, bestimmte Themen zu besprechen?

Klar, die Themen beschäftigen mich selbst auch, das ganze Thema Selbstvertrauen und Persönlichkeitsentwicklung ist ja eine spannende Entdeckungsreise, bei der man immer wieder dazulernt und neue Seiten an sich selbst entdeckt. Das ist nicht wie bei einer Gipfelwanderung in den Alpen, wo man das Ziel erreicht und sagt: „Ok erledigt, jetzt hab’ ich das auch mal erlebt.“ Viele Ideen zu Themen und Problemstellungen ergeben sich aus meinem eigenen Arbeitsalltag, aber auch wenn ich Magazine und Bücher lese (also ständig).

„Ich frage aber auch immer wieder meine Leserinnen und Leser im Newsletter, welche Fragen sie beschäftigen und wie ich ihnen dabei helfen kann, sie zu lösen.“

Ich frage aber auch immer wieder meine Leserinnen und Leser im Newsletter, welche Fragen sie beschäftigen und wie ich ihnen dabei helfen kann, sie zu lösen. Dieses Feedback und die Interaktion mit anderen ist mir super wichtig – ich schreibe den Blog ja für meine Leserinnen und Leser. Für alles andere gibt’s Tagebücher.

Vanilla Mind Buchupdate Melina

5.

Du gibst auf „Vanilla Mind“ Tipps und Ratschläge für andere und möchtest ihnen damit Mut machen. Wie hast Du Dich vor dem Blog gesehen oder tust es vielleicht immer noch?

Ich habe mich immer eher als Außenseiterin gesehen. Vielleicht ist das nicht das, was man als erstes vermutet, wenn man mich kennenlernt, aber: Ich habe eine ungefähre Ahnung davon, was es heißt in der Schule allein rumzustehen, wenig Freunde zu haben und dafür belächelt zu werden, andere Hobbies und Interessen zu haben als die Mehrheit der Klassenkameraden. Um von anderen kritisch beäugt und nicht akzeptiert zu werden reicht es schon, wenn man:

  1. wenig redet („Was’n mit der los, will die nichts mit uns zu tun haben?“)
  2. unsportlich ist („Memme!“)
  3. sehr helle Haut und blonde Haare hat („Sieht aus wie ne Leiche!“
  4. religiös ist („Das ist doch voll altmodisch!“)
  5. oder nicht mit anderen um die Häuser zieht, weil man Jungs und Tanzen einfach langweilig findet und lieber Reclam-Hefte liest („Mit der stimmt doch was nicht.“)

Alles Dinge, die eigentlich so lächerlich sind, dass sie nicht der Rede wert sind – weil: komplett normal. Aber Jugendliche sind extrem anfällig für Gruppenzwang. Wenn du nicht bist wie alle anderen, dann bist du eben komisch. Also musste ich lernen, nach Wegen und Lösungen zu suchen, mit denen ich mich durchkämpfen konnte ohne mich dabei selbst zu verlieren. Das ist mir als Teenie unheimlich schwergefallen und hat mich in die eine oder andere Identitätskrise gestürzt, aber wenn ich eines mittlerweile kapiert habe, dann das: Sich für andere zu verstellen ist das Schlimmste, was man sich selbst antun kann.

Niemand wird mehr geliebt, wenn er sich selbst aufgibt und den Erwartungen anderer hinterherläuft. Und es bringt einen den eigenen Zielen auch nicht näher. So viel also zu meinem „Werdegang“. Aber um noch einmal zu deiner Frage vor/nach dem Blog zurückzukommen: Der Blog hat mir ein Stück weit bestätigt, dass es genügend Menschen da draußen gibt, die dieselben Interessen haben wie ich. Und dass „normal“ nicht ist, was einem das Umfeld vorschreiben will. Normalsein bedeutet man selbst sein.

6.

Inwiefern erhältst Du Feedback von Deinem Umfeld? Lesen Freunde, Familie den Blog?

Ich habe meinen Blog anfangs mehr oder weniger geheim gehalten und nicht an die große Glocke gehängt. Das spricht sich ja ohnehin von allein herum („schon gehört, die bloggt jetzt!“). So selbstsicher wie ich manchmal zu sein scheine, bin ich eben doch nicht immer, ganz klar. Aber spätestens als ich neulich auf der Startseite von Spiegel Online war, haben auch die letzten in meinem Bekanntenkreis meinen Blog entdeckt, haha. Meine Familie liest meinen Blog aber seit der ersten Stunde.

Vielen lieben Dank für Deine Zeit und die inspirierenden Worte zu Dir, Melina!

 

Vanilla Mind online:

Webseite: vanilla-mind.de | Instagram: @vanillamindde
Twitter: @vanillamindde | Facebook: @vanillamindde

Vanilla Mind Porträt ®Lea-Sander

®Lea-Sander


Das Buch „Verstecken gilt nicht!“

Auf Melina und ihr Buch bin ich durch die Community gestoßen. Haben wir uns schon mal persönlich getroffen? So in echt? Würdest Du mich als schüchtern bezeichnen? Wenn es auf der Buchmesse oder einem anderen bibliophilen Event war, würde Deine Antwort „Eigentlich nicht“ lauten, oder? Tatsächlich habe ich aber in vielen anderen Bereichen, heißt, vor allem im Privatleben, auch so meine Probleme ins Gespräch zu kommen. Es geht eben nicht (immer) um Bücher. Ich bin verunsichert, weiß nicht, über was ich sprechen soll, wirke bestimmt komisch, weil ich so verschlossen und ruhig bin.

In erster Linie war ich neugierig, wie das Thema Schüchternheit an die Frau (oder auch an den Mann) gebracht wird und habe es auf mich zukommen lassen. Klingt es plausibel, authentisch oder ist es gar ein 0815-Ratgeber á la „Nutze diese 50 Sätze zum Gesprächseinstieg“? In Sachen Selbstwert, -bewusstsein und Persönlichkeitsentwicklung habe ich bereits mit einigen Sachbüchern gute und mal weniger gute Erfahrungen gemacht. Tatsächlich wurde ich mit „Verstecken gilt nicht“ aber mehr als überrascht und was ich Melina bereits persönlich schrieb, möchte ich auch gern hier noch einmal festhalten.

Vanilla Mind Interview Melina Royer Beitragsbild

Man merkt allein anhand der Herangehensweise, dass die junge Frau sich sehr viel mit dem Thema beschäftigt hat. Das Buch beginnt am Ursprung, woher das „Problem“ der Schüchternheit kommt und welche Möglichkeiten es gibt, diese Muster überhaupt zu erkennen. Auch Unterschiede von Schüchternheit und Introvertiertheit werden erläutert, was für viele ein und dasselbe ist. Die Grundaussage dieses Buches: Schüchternheit ist nichts Negatives, aber wenn es Dich im Leben so sehr beeinträchtigt, kann man etwas dagegen tun.

Mir fiel beim Lesen der Spruch „Das beste Projekt an dem Du je arbeiten wirst, bist Du“ ein, der passt für das motivierende Buch wie die Faust aufs Auge. Die Methoden, die Melina beschreibt, finden auch in der Verhaltenstherapie Anwendung und bis sie so weit war, hat sie wohl sehr viel mit sich selbst gearbeitet.

Selbstbewusst statt unsichtbar!

In der letzten Woche habe ich mich bereits dabei erwischt, wie ich ein oder zwei Kapitel noch einmal nachgelesen habe, denn es ist kein Buch zum weg-, sondern zum immer wieder lesen und sich weiterentwickeln. Ich bin ihr so dankbar, dass sie sich getraut hat Vanilla Mind zu gründen, dieses Buch zu schreiben und vor allem ein Teil der Blogosphäre zu sein.

Ich konnte mich zwar nicht mit allen Kapiteln 100% identifizieren, da z.B. das Thema Hochsensibilität für mich nicht zutreffend ist, aber es war interessant auch diese Seite kennenzulernen und den Empathie-Katalog aufzustocken.

Heiße Empfehlung für alle, die einen authentischen Ratgeber mit Mehrwert suchen und sich nicht weiter verstecken möchten. Oder ideal als Geschenk, falls sich vor lauter Schüchternheit selbst der Besuch in der Buchhandlung als schwierig erweist. Ich habe es für Weihnachten zumindest schon gedanklich 3x bestellt.


Daten zum Buch:

Kailash Verlag | LESEPROBE | Autorin: Melina Royer | Seiten: 224 | Paperback 12,00 € | ISBN: 978-3-424-63150-0 | Erscheinungstermin: 04.09.2017


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4 Kommentare

  • Antworten Jenny Sonntag, 19. November 2017 um 23:39

    Toller Beitrag! Ich will das Buch noch unbedingt lesen und ich habe mit viel Interesse das Interview gelesen:)

  • Antworten Sandy Montag, 20. November 2017 um 12:16

    Hey Dani,
    die Melina finde ich schon im Sozialen Netzwerk ungeheuer sympathisch. Das sie selbst oft mit sich kämpft und trotzdem daraus etwas so tolles macht, verdient schon Applaus. Ich mag ihre gut dosierte Bescheidenheit, die ja auch nur Teil ihrer Persönlichkeit ist. Das spürt man wieder in diesem Interview. Ganz toll!
    Seit einigen Monaten schiele ich immer wieder auf ihr Buch, bin aber wirklich am zögern. Mit Ratgebern werde ich nämlich einfach nicht warm.
    Du kennst mich gut genug, um zu wissen, dass dieser Buchtitel allein schon meinen Namen brüllt.
    Also, schaue ich mir jetzt die Leseprobe sehr genau an.

    Ganz lieben Dank an dich und Melina für den Beitrag!
    LG,
    Sandy

  • Antworten Petzi Montag, 20. November 2017 um 20:19

    Ganz toller Beitrag! Ich konnte Melina schon persönlich kennenlernen und finde das Treffen im Nachgang immer noch wahnsinnig inspirierend und toll. Für mich ein echter Glücksfall, dass sie mich damals anschrieb und ich so überhaupt auf ihren Blog aufmerksam wurde. Lange bevor das Buch überhaupt erschienen ist. Auf dem Blog finde ich nämlich auch ständig tolle und inspirierende Artikel und das Buch ist sowieso eine Empfehlung. Sind wir uns mal wieder einig.

    Liebe Grüße
    Petzi

  • Antworten Saska Donnerstag, 23. November 2017 um 22:29

    Ich kenne den Blog Vanilla Mind und habe schon viel aus den dort genannten Tipps ziehen können. Auch mir fällt es bisweilen schwer, hervorzutreten, gerade was auch die Arbeitswelt angeht.
    Ich freue mich also, dass das Buch genauso inspirierend und voller Mehrwert ist, wie der Blog!
    Liebe Grüße