ToteMädchenlügennicht-Beitragsbild
Sonntag, 7. Mai 2017

Tote Mädchen lügen nicht | Eine Auseinandersetzung

> Tote Mädchen lügen nicht < oder > 13 Reasons Why < wird Dir spätestens derzeit begegnen, wenn Du einen Netflix Account besitzt. Bei mir wartete seit Jahren das Buch von Jay Asher im Regal und ich wollte es auf jeden Fall vor der Serie lesen. Büchernerd, klar. Das Buch war schnell verschlungen, aber zusammen mit der Serie beschäftigte mich die Geschichte über Hannah Baker und darüber hinaus tagelang.

WICHTIG: Das Thema Suizid ist ein aufwühlendes Thema mit vielen Meinungen, Facetten und Abzweigungen. Ich maße mir mit diesem Beitrag keinesfalls an, die richtige zu haben. Ich möchte Buch & Serie von unterschiedlichen Seiten beleuchten und erzählen und weshalb es wichtig ist, darüber zu schreiben und nicht wegzusehen. Denn es gibt immer eine andere Lösung. Immer.

Das Buch

“Tote Mädchen lügen nicht” von Jay Asher:
Originaltitel: 13 Reasons Why

Tote Maedchen luegen nicht von Jay AsherEs brauchte nicht viel, um die Schülerin Hannah in den Selbstmord zu treiben. Es braucht unendlich viel, um mit ihrem Tod leben zu können
Als Clay Jensen aus der Schule nach Hause kommt, findet er ein Päckchen mit 13 Kassetten vor. Er legt die erste in einen alten Kassettenrekorder, drückt auf „Play“ – und hört die Stimme von Hannah Baker. Hannah, seine ehemalige Mitschülerin. Hannah, für die er heimlich schwärmte. Hannah, die sich vor zwei Wochen umgebracht hat. Mit ihrer Stimme im Ohr wandert Clay durch die Nacht, und was er hört, lässt ihm den Atem stocken. Dreizehn Gründe sind es, die zu ihrem Selbstmord geführt haben, dreizehn Personen, die daran ihren Anteil haben. Clay ist einer davon …” (Quelle: randomhouse.de)

Meine Meinung

Autor Jay Asher kam bei einer Audioführung während eines Museumsbesuches auf die Idee des Buches. Die Stimme in seinen Ohren faszinierte ihn – ob er wusste, dass sein Roman über Hannah Baker ein weltweiter Erfolg werden würde? Die einzelnen Kassettenseiten sind passenderweise die Kapitel und diese entfalten eine rasante Sogwirkung.

Die Vorstellung, dass Clay auf einmal die Stimme der verstorbenen Mitschülerin und Freundin hörte, hatte etwas Furchteinflößendes und ich wünschte mir während des Lesens immer wieder, dass sich Hannahs Tod am Ende als Irrtum rausstellen würde, oder sie sich vorher irgendwem geöffnet hätte. Spoiler: Leider nicht. Es ist kein schönes Buch im klassischen Sinn, aber es geht alle an, es lässt nicht los, geht unter die Haut und erzählt die bedrückende Geschichte eines jungen Menschen, der aufgrund von (Cyber-)Mobbing und der daraus resultierten Verzweiflung so nicht mehr weiterleben wollte.

Ein gutes Schwellenbuch für ein aufwühlendes und schwieriges Thema

Ich finde es wichtig, dass dieses Buch bereits teilweise während der Schulzeit bearbeitet wird, spricht es doch genau diese Zielgruppe an, während sich junge Menschen entwickeln und ihren Weg (in der Gesellschaft) suchen. Aber vor allem auch Erwachsenen und/oder Eltern lege ich dieses Buch ans Herz, ist es während der Pubertät und Entwicklungsphase oft schwer, hinter die Fassade der Teenager zu blicken oder zu wissen, “was eigentlich abgeht”. Ein gutes Schwellenbuch für ein aufwühlendes und schwieriges Thema.

Was im Buch ungefähr in einem 24 Stunden Zeitfenster passiert, wird in der Serie auf ein realistisches Maß und 13 Folgen ausgeweitet:

Die Serie

“Tote Mädchen lügen nicht”
Erstausstrahlung: 31. März 2017 auf Netflix

Seit der Veröffentlichtung der Serie Ende März 2017 wurde die Serie bereits kontrovers diskutiert. Den Machern wird vorgeworfen, sie sei gefährlich und die Selbsttötung romantisiert dargestellt.

Es stimmt, dass die dramatische Geschichte von Hannah und Clay auch von der heimlichen Zuneigung der beiden erzählt, ich persönlich sehe diesen Erzählstrang jedoch nicht als Ausgangs- oder Mittelpunkt der düsteren und dennoch sehr packenden Serie. Zudem werden leider kaum bis keine anderen Lösungswege als die Selbsttötung aufgezeigt, was problematisch ist. Was im Buch gar nicht vorkam, aber für die Serie besonders gute Aspekte sind, ist, dass man die Eltern von Hannah kennenlernt, ihren tragischen Umgang mit der Situation und welche Folgen es für viele Beteiligte hat.

Generell ist die Serie sehr viel ausführlicher, teilweise abgeändert und auch das Ende lässt Stoff für eine 2. Staffel, die bekanntermaßen bereits in Planung ist. Nach einer ersten skeptischen Folge (gleich nachdem ich das Buch beendet hatte), mochte ich diese Neuerungen jedoch sehr. Den Folgen 9, 12 und 13 sind Triggerwarnungen/Warntafeln vorangestellt, die notwendig sind, können die Ereignisse darin wirklich erschreckend und verstörend wirken.

Währenddessen und nachdem ich alle Folgen sah, tauschte ich mich per Sprachnachrichten lange mit meiner Freundin Anja von > Der Bücherblog < aus. Fragen wie “Weshalb ist die Serie nicht mit Jugendschutz versehen?” beantwortete ich mir quasi selbst, kaum dass ich sie ausgesprochen hatte.

Triggerwarnungen, die notwendig sind

Ja, die Szenen, vor denen gewarnt wird, sind schlimm und bleiben sogar ein paar Tage im Kopf, jedoch sind es genau die Ereignisse, über die in der Gesellschaft nicht gesprochen und zum Tabuthema gemacht werden. Ich finde es wichtig, dass gezeigt wird, worüber keiner redet, kann aber auch Eltern verstehen, die empört sind. Verbieten sollte man die Serie deshalb aber nicht! Vielmehr sollte man sie zur Aufklärung nutzen, sich gemeinsam damit auseinandersetzen und klarmachen, was uns die Serie sagen will: Dem Suizid von Hannah Baker ging eine Krankheit voraus, die sich aus den erzählten Gründen entwickelte.

Ja, die Szenen, vor denen gewarnt wird, sind schlimm und bleiben sogar ein paar Tage im Kopf, jedoch sind es genau die Ereignisse, über die in der Gesellschaft nicht gesprochen und zum Tabuthema gemacht werden.

Auch mein Freund, der nur so nebenbei ein paar Szenen der Serie mitbekam, fragte letztlich, inwiefern sie jemanden helfe, der die Selbsttötung in Betracht ziehe. Diese Frage ist unglaublich schwer und spätestens hier scheiden sich die Geister. Ich hoffe, dass Betroffene sich wiedererkennen und “das Positive” herausziehen können und sich helfen lassen, jedoch bleibt es letztlich nur eine fiktive Geschichte, die je nach Schwere einer Depression unterschiedlich zu Jugendlichen durchdringt. Ein Suizid ist immer ein Zeichen für psychische Probleme, für die es jedoch Hilfe gibt!

Ich denke, die Serie will vielmehr präventiv/vorbeugend vermitteln, was scheinbare “Kleinigkeiten” im Schulalltag bzw. allgemein anrichten können. Dass gewisse Bilder und Aussagen für die, die sich profilieren möchten, eine kleine Prahlerei sind und für die Betroffenen jedoch mehr als nachhaltig verletzend. Was es anrichten kann, wenn man einen gewissen Grundrespekt gegenüber seinen Mitmenschen schamlos ignoriert oder sogar einfach wegsieht, wenn andere Menschen Hilfe brauchen.

Solltest Du merken, dass Du oder ein Bekannter/Freund/Familienangehöriger Hilfe im Bereich Selbstgefährdung, sexueller Belästigung oder Depression braucht, gibt es einige Dinge, die Du tun kannst. Aber vor allem:

Vertraue Dich jemanden an!

Du kennst noch weitere Dinge und Kontakte, die helfen können? Dann packe sie gern in die Kommentare!

Fazit

Buch & Serie gehen unter die Haut, vor allem weil sie im Bereich Suizidgefährdung wirken, als gäbe es keine anderen Lösungswege. Die gibt es! Die andere Frage ist, ob es überhaupt einen optimalen Weg gibt, dass jeder Leser & Zuschauer zufriedengestellt werden kann. Beide Medien sind hierbei nicht perfekt, das ist klar. Ich empfinde es so, dass vor allem die Serie u.a. präventiv wirken möchte, was vermeintliche Kleinigkeiten anrichten können, das Bewusstsein bei Jugendlichen zu schärfen einen gewissen Grundrespekt gegenüber Mitmenschen zu haben. Trotz der Triggerwarnungen finde ich es wichtig, dass auch dramatische Szenen nicht totgeschwiegen werden.


Während ich diesen Beitrag schrieb, hörte ich übrigens den offiziellen Soundtrack zu Tote Mädchen lügen nicht auf Spotify. Der ruhige Song, nachdem auch Clay in der Serie fragt, ist “The Night We Met” von Lord Huron. Ich würde mich über eine rege und konstruktive Kritik freuen und gerne wissen, wie Deine Meinung zu dem Thema ist.

Deine Brösel

Früherer Beitrag Nächster Beitrag